Interview für ein Frauenmagazin im Mai 2008
Frage: Warum leiden manche Menschen mehr unter Eifersucht als andere?
Antwort: Nährboden für Eifersucht ist zumeist ein gestörtes Selbstwertgefühl. Liebe ist ein elementares Bedürfnis. Deshalb sind Menschen, die in ihrer Kindheit zu kurz gekommen sind, weil sie zu wenig Liebe, Aufmerksamkeit und Wertschätzung erfahren haben, später auf ständige Zuwendung und Aufmerksamkeit durch andere angewiesen. Sie entwickeln trotzige Machtgelüste, sind abhängig und fordernd und wollen erzwingen, was nur freiwillig gegeben werden kann.
Frage: Gehören Liebe und Eifersucht zusammen?
Antwort: Liebe und Eifersucht widersprechen einander, obwohl viele Menschen glauben, die Intensität der Eifersucht des Partners sei ein Gradmesser für die Tiefe der Liebe. Aber das stimmt nicht, Besitzanspruch hat nichts mit Liebe zu tun. Eifersucht leitet aus einem Mangelgefühl heraus einen illegitimen Machtanspruch auf den Partner ab und kompensiert damit die Verlustängste. Wer seinen Partner tatsächlich liebt, möchte ihn weder einsperren, noch für sich alleine besitzen, noch wird er ihn ständig kontrollieren oder peinlichen Befragungen unterziehen. Echte Liebe ist eine göttliche Qualität und Zustand von Fülle, in dem man sich verschenken und verschwenden möchte. Wer seinen Partner liebt, ist an dessen Freiheit, Eigenständigkeit, Unabhängigkeit und Wohlergehen interessiert. Das funktioniert aber nur auf der Basis einer ehrlichen, wahrhaftigen Beziehung, die von Großzügigkeit, Mitgefühl, Vertrauen und einem ehrlichen Austausch geprägt ist.
Frage: Wann ist Eifersucht krankhaft?
Antwort: Dann, wenn Menschen einem inneren Zwang folgen, eingebildete Vorstellung und Vermutung konstruieren und den Partner ständig des Fremdgehens beschuldigen, obwohl dies unbegründet ist. Im Strudel dieser heftigen Regungen deformiert sich die Gesamtpersönlichkeit immer mehr. Zwangsgedanken können sich dann bis ins Wahnhafte steigern und aggressive, zerstörerische Überreaktionen zur Folge haben.
Frage: Kann Misstrauen auch der Nährboden für Seitensprünge sein?
Antwort: Ja, wenn der Partner ständig mit Misstrauen und Kontrolle belegt ist, wird er letztlich dazu getrieben, der einengenden Beziehung entfliehen zu wollen. Unter diesem Druck bilden sich insgeheim Widerstände und Ängste. Er versucht zunächst, durch aufgezwungene Selbstzensur, dem Ärger und den Verdächtigungen zu entgehen. Auf Dauer wird er sich selbst fremd werden. Die Situation ist für ihn sowieso absurd, denn er betrachtet die Unterstellungen des Partners als krankhaft. Die innere Verpflichtung zur Treue geht verloren und es kommt zu Trotzreaktionen. Dann geschieht genau das, was bereits unterstellt wurde. Seitensprünge werden zum Befreiungsakt. Der Partner gedenkt so, seine verloren gegangene Freiheit und Selbstbestimmtheit zurück zu erobern.
Frage: Wie kann man Eifersucht überwinden?
Antwort: In der Regel wird bei krankhafter Eifersucht nur eine tiefenpsychologisch orientierte Einzeltherapie helfen. Der Ursprung dieser Regungen muss aufgesucht und bewusst gemacht werden. Das lässt sich nicht in den aktuellen Bezügen aufdecken, sondern führt in die kindlichen Entwicklungsphasen zurück. In leichteren Fällen kann ein Beziehungs-Coaching hilfreich sein, wo verborgene Motive und Bedürfnisse offen gelegt und vermittelt werden. Im Alltagsleben sollte man sich stets treu bleiben und keinesfalls, aus Angst heraus, Zugeständnisse machen, die die eigene innere Wahrheit verleugnen. In der Beziehung muss es eine Gesprächskultur geben, damit sich die Partner vorurteilsfrei über ihre Gefühle, Ängste und Erwartungen austauschen können. Dadurch kann man einer Eskalation vorbeugen. Grundlage einer funktionierenden Liebesbeziehung bleiben stets Vertrauen, Wohlwollen, Großzügigkeit, Ehrlichkeit, Offenheit, Einfühlungsvermögen, Respekt und Wahrhaftigkeit. Dort kann es keine Abstriche geben.
Frage: Wie gehen Sie speziell in Ihrer Therapie das Problem an?
Antwort: Wir nutzen tiefenpsychologisch orientierte Gespräche, sowie systemische und verhaltenstherapeutische Übungen, um ein besseres Verständnis für die eigenen Funktions- und Verhaltensweisen und die des Partners zu bekommen. Mit körpertherapeutischen Methoden und Rollenspielen begleiten, unterstützen und ermutigen wir die Partner darin, in einen ehrlichen und wahrhaftigen Austausch zu gehen. Wir zeigen ihnen Möglichkeiten auf, aufgestaute Gefühle auszudrücken und emotionalen Druck abzubauen, wodurch sie sich selbst und die Beziehung entlasten können. Darüber hinaus arbeiten wir mit den einzelnen Partnern daran, sich selbst besser kennen und annehmen zu lernen, in der Nähe zum Partner zu sich selbst stehen zu können, sowie unausgesprochene und schambesetzte Wünsche in die Beziehung einzubringen. Letztendlich zeigen wir ihnen, wie sie mehr Wahrhaftigkeit, Lebendigkeit, Sinnlichkeit und Lebensfreude in ihre Beziehung bringen können. In der Paartherapie arbeiten wir in der Regel mit einem Therapeuten-Paar, damit sowohl die Frau als auch der Mann einen emotionalen Vertreter ihres Geschlechts an ihrer Seite haben.