Animus und Anima aus biologischer Sicht
Kein Mensch ist nur männlich oder nur weiblich. Jeder ist bei seiner Geburt bereits vollständig ausgestattet - mit allen weiblichen und männlichen Attributen. Vom Moment der Zeugung bis zur Geburt durchläuft der Embryo alle Entwicklungsstadien der Evolution vom Einzeller über Mehrzeller, Kaulquappe, verschiedene Säugetiere bis hin zum menschlichen Säugling. Erst kurz vor der Geburt entscheidet sich, ob aus dem Säugling ein Junge oder ein Mädchen wird.
So wie aus biologischer Sicht von Anfang an die genetische Möglichkeit für beide Geschlechter in uns angelegt ist, so sieht es auch aus psychologischer Sicht aus: Jede Frau trägt männliche Seelenanteile in sich, genannt Animus und jeder Mann hat weibliche Seelenanteile, genannt Anima.
Archetypen nach C.G. Jung
Animus (lat. „Geist“) und Anima (lat. „Seele“) sind Begriffe aus der Analytischen Psychologie C.G. Jungs. Es handelt sich hierbei um zwei der wichtigsten Archetypen. Archetypen sind, von individueller Erfahrung unabhängige, Urbilder in der Seele jedes Menschen, die sich unter anderem in religiösen Überlieferungen, Mythen oder Träumen niederschlagen.
Anima ist das kollektive, ursprüngliche Bild der Frau beim Mann. Sie ist das weibliche Element in seinem Unbewussten, seine "innere Frau".
Animus ist das kollektive, ursprüngliche Bild des Mannes bei der Frau. Er ist das männliche Element in ihrem Unbewußten, ihr „innerer Mann“. Beim Einzelnen gibt es dabei persönliche Abwandlungen, die durch die jeweiligen Lebenserfahrungen bedingt sind.
Anima
Anima ist für Jung der „Archetyp des Lebens“ schlechthin, eine Seelenqualität im Unbewussten des Mannes, eine „weibliche Seite“ in seinem psychischen Apparat. Jeder Mann trägt ein sehr ursprüngliches Bild der Frau von jeher in sich.
Die Projektion der Anima nach außen ist oft ein störender Faktor in Beziehungen, weil der Mann dann von einer Frau erwartet, die Verkörperung einer inneren Idee des Weiblichen zu sein. Die Anima kann in verschiedenen Entwicklungsstufen beim Mann auftreten, entsprechend dem Grad der Entwicklung seiner Gefühlsfunktion.
Soweit Ausprägungen der Anima in Träumen auftreten, tun sie dies oft als Vermittler zwischen dem Unbewussten und dem Ich. Die Anima kann sowohl als Jungfrau Maria als auch als weltzugewandte Hure auftreten und füllt verschiedene mögliche Facetten des Weiblichen in der Vorstellung des Mannes aus.
Bei Jungen wird die Anima regelmäßig vom Mutterarchetyp überlagert. Die Herauslösung der Anima aus diesem stellt einen zentralen Entwicklungsschritt dar.
Anima wird von der Kirche aus einer älteren Tradition heraus mit Seele und mit Leben übersetzt. Jung meint in seinem Grundwerk aber, dass er dies etwas anders meint. Vorsilbe Ani = vor, ma = Mutter, also Jungfrau. Animus = vor Geist, also der noch nicht entwickelte Geist. Die Anima ist im mystischen Erleben die Jungfrau, die um den Geist freit, im Märchen die Prinzessin oder das Aschenputtel, das dem König oder Prinzen angetraut wird (Vereinigung der Gegensätze - Chymische Hochzeit).
Animus
Das Gegenstück zur Anima ist der Animus, eine Sammlung von unbewussten maskulinen Attributen und Potenzialen im Unbewussten der Frau.
Der Animus tritt als männliche Figur in den Träumen von Frauen auf, zum Beispiel als mysteriöser und faszinierender Liebhaber, als Vaterfigur, Pastor, Professor, als Prinz, Zauberer usw.
Wie jeder Archetyp kann er sowohl positiv als auch negativ wirken. Im Negativen besitzt er einen Todeszug, der die Frau von der Welt wegzieht. Im Positiven kann er ein vermittelnder und motivierender Faktor für intellektuelle Tätigkeit sein. Während die Anima den Mann durch Stimmungen („Anima moods“) beeinflussen kann, äußert sich der Animus im Negativen durch Animus-Meinungen („Animus opinions“). In so einem Fall wiederholt die Frau gedankenlos Gemeinplätze, die sie von Vaterfiguren übernommen hat (z.B. „Da kann man nichts machen.“) und die auf die Abwesenheit von individuellem Denken hinweisen. Im Märchen manifestiert sich der Animus zum Beispiel als Prinz, als König Drosselbart oder Blaubart.
Animus und Anima in Beziehung
Es ist das ewige Problem in Beziehungen, dass wir eigentlich uns selbst suchen und sehr schnell sehr einnehmend auf eine jeweils neue Liebe eingehen, weil der andere uns anscheinend so ähnlich ist, so eigenartig vertraut, so ganz und gar verstehend. Wir lassen uns faszinieren, wir identifizieren uns total - um dann nach einer gewissen Zeit zu merken: das ist ja ein Fremder, ein völlig von uns Verschiedener und überhaupt nicht passend.
Denn - sucht man einen Menschen, mit dem man in jeder Hinsicht übereinstimmt, der alles versteht und in jeder Lebenslage immer zu einem selbst stehen kann - dann gibt es dafür nur eine oder einen: sich selbst. Einen anderen aber um seiner selbst willen zu lieben, das ist ein riesiger Unterschied. Sobald wir in der Lage sind, die Unterschiede (!) zwischeneinander zu lieben, heben wir die Schatten auf und betreten ein neues Paradies.
Je weniger Bewußtheit wir über unseren inneren gegengeschlechtlichen Seelenpartner haben und je weniger wir uns mit diesen inneren seelischen Qualitäten verbinden können, desto mehr projezieren wir diese nach außen auf mögliche Beziehungspartner.
Beziehungen, in denen die Partner ineinander verliebt sind, enthalten ganz unvermeidlich Elemente von Animus- oder Animaprojektionen. Im Grunde verliebt sich jeder in sich selbst, das heißt in seine eigene, mehr oder minder unbewußte Seelenhälfte. Dabei sind die seelenhaften Erscheinungsformen selten klar umrissen und eindeutig; fast immer sind es schillernd-komplexe Seelenbilder von fast magischer Qualität. Bekannte Animagestalten sind beispielsweise die Hexe, die Amazone, die Priesterin, die Göttin, die Hure, die Undine, die weise Frau, der barmherzige Engel und die Hohepriesterin; prominente Animusgestalten hingegen sind der Abenteurer, der Rebell, der ewige Jüngling, der treusorgende Vater, der Zauberer, der Prophet und der machtvolle Führer oder Hohepriester. "Obwohl wir diese inneren Partner außerhalb von uns selbst suchen, leben sie in uns und treiben uns genau in diejenigen Erfahrungen, die unseren bewußten Wünschen entgegenstehen.
Es kommt sehr auf die innere Harmonie an, inwiefern ein Mann seine weibliche oder eine Frau ihre männliche Seite integrieren und mit ihr im Einklang leben kann.