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Sexualität & Orgasmus

Sexualität & Orgasmus

Von Vibhuti Uzler

 

Frauen, die sexualtherapeutische Hilfe aufsuchen, weil sie Schwierigkeiten damit haben, einen Orgasmus zu bekommen, oder weil sie noch nie einen Orgasmus hatten, kommen oft durch Druck von Außen. Einer der am häufigsten genannten Gründe hierbei ist die Angst, vom Partner verlassen zu werden, gefolgt von der Angst nicht richtig zu funktionieren.

Die eigene Lust und Lebendigkeit und das eigene Körperempfinden stehen eher im Hintergrund. Das ist ein trauriges Zeugnis dafür, dass Frauen ihrer eigenen Sexualität noch immer nicht die Aufmerksamkeit und Liebe schenken, die ihr gebührt, denn sie ist Ausdruck unserer Lebensfreude, Kraft und Schönheit.

Laut verschiedener Studien leiden ca. die Hälfte aller Frauen unter einer sexuellen Störung, ca. 16-17 Prozent hatten noch nie einen Orgasmus und fast alle Frauen haben, laut einer Studie der Charité aus dem Jahr 2004, schon mal einen Orgasmus vorgetäuscht.

 

Orgasmus bedeutet jedoch viel mehr, als nur eine bestimmte Erregungsstufe zu erreichen, um den „Orgasmusreflex“ auszulösen und wenn sich der Körper mit Hilfe des Geistes weigert diese Stufe zu erreichen, scheint mir das ein intelligenter Hinweis darauf zu sein, dass etwas nicht stimmt. Jedoch nicht im Sinne von „ ich bin gestört weil ich keinen Orgasmus habe“, sondern als Zeichen dafür dass wir zwar richtig funktionieren, aber bisher die falschen Interpretationen für das Ausbleiben des Orgasmus herangezogen haben.

Keinen Orgasmus zu bekommen kann unter Umständen enorm wichtig für die betroffene Person sein, da sie damit unbewusste Ängste in Schach hält, die ohne eine begleitende Therapie nicht zu verarbeiten sind.

Unser Körper ist unser nonverbales Sprachrohr und drückt das aus, was sich unserem Bewusstsein entzieht.

 

Einen Orgasmus zu bekommen setzt die Bereitschaft und das tiefe Vertrauen voraus, die Kontrolle aufgeben zu können und zu wollen.

Hat eine Frau mit Orgasmusstörung in ihrer Kindheit (sexuelle) Traumata erlebt, oder wurde ihr Vertrauen auf andere Art und Weise tief erschüttert, dann war die Kontrolle ihrer Gefühle damals lebensnotwendig. Diese Kontrolle nun aufzugeben, kann ein langwieriger und schmerzhafter Prozess sein und erfordert Mut und die Bereitschaft sich selbst eine geduldige und mitfühlende Begleiterin zu sein.

Gleichzeitig jedoch ist es wiederum auch unerlässlich, den eigenen Körper genau zu kennen und zu studieren, wie er funktioniert, bzw. eben genau die Kontrolle über die gewollten Reaktionen zu gewinnen, um nicht dem ungewollten „Nicht-Reagieren“ ausgeliefert zu sein.

 

Aber nicht nur der Aspekt der Kontrolle spielt eine Rolle bei der Orgasmusstörung der Frau. Oft gibt es in der Partnerschaft Probleme die nicht gesehen werden wollen und die sich in diesem „Widerstand vor Hingabe und Auflösung“ ausdrücken. Unterdrückte Gefühle, wie Ekel, Wut und Ablehnung die nicht in das gängige Bild einer Liebesbeziehung passen, zeigen sich dann in Form einer sexuellen Störung.

Durch den Orgasmus entsteht eine so starke Öffnung für den Partner, dass Verlustängste im Rahmen dieser Erfahrung eine neue Dimension bekommen und das Gefühl den Partner zu brauchen übermächtig werden kann.

Die hohe Erregung, durch die ein Orgasmus eingeleitet wird, kann unsere tiefsten Ängste und all den unterdrückten Schmerz an die Oberfläche und in unser Bewusstsein holen, was dazu führen kann, dass Schamgefühle entstehen, sich dem Partner so nicht zeigen zu wollen.

Oft setzen sich Frauen in Bezug auf ihre Orgasmusfähigkeit unter enormen Druck, weil sie wissen, dass das männliche Selbstbild eines guten Liebhabers davon abhängt. Dieser Druck steht dem freien Fliessen der Energie, die beim Orgasmus wichtig ist, entgegen. Versagensängste tauchen auf und bewirken, dass sich die Frauen unbewusst innerlich verspannen und somit verhindern, dass die Energie, die sie aufnehmen, weiter aufsteigen kann. Manchen Berichten von Klientinnen zufolge, fühlt sich ihr Bauch nach dem Sex wie ein aufgeblasener Luftballon an.

 

Dass laut der oben zitierten Studie fast alle Frauen schon mal einen Orgasmus vorgetäuscht haben zeigt, dass es eine gängige Vorstellung davon gibt, wie der Orgasmus einer Frau auszusehen hat. Bilder die durch Medien vermittelt werden setzen sich in den Köpfen fest und der Bezug zur eigenen Erlebniswelt und zum eigenen Ausdruck geht dabei völlig verloren. Wer sagt denn, dass die Frau laut sein muss, stöhnen muss, vibrieren muss ect? Orgasmen sind so unterschiedlich, so individuell, so einzigartig, wie es die Frauen auf dieser Welt sind. Eine einzige Frau kann in ihrem Leben unendlich viele Orgasmen haben und jeder einzelne fühlt sich anders an und zeigt sich in seinem ganz eigenen Gewand. Mal sanft, mal gewaltig, mal laut, mal leise, mal ekstatisch, mal meditativ. Wer will denn hierfür Normen festlegen?

 

Sich dem eigenen Genießen öffnen, sich empfindlich zu machen für die eigenen Regungen, zu spüren was gut tut, den eigenen Körper zu erforschen, mit all seinen Geheimnissen und Überraschungen, die eigene sexuelle Kraft und Sinnlichkeit zu spüren ist der Kern weiblicher Sexualität. Das orgastische Potenzial der Frau liegt in ihrer Fähigkeit sich an sich selbst hinzugeben, sich in dieser Hingabe auf zu lösen und mit dem Universum in Zeitlosigkeit zu verschmelzen.

 

Sansara Wilberg

Sansara Wilberg

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