Interview zum Thema Selbstbefriedigung mit missima:
Essen, Trinken, Selbstbefriedigung? Das Thema Masturbation ist wahrscheinlich so alt wie die Menschheit selbst und noch heute aktuell. Laut einer Umfrage kommen sogar 43% der Frauen in Deutschland durch Masturbation leichter zum Höhepunkt als durch Geschlechtsverkehr (23 %). Dennoch ist dies ein Tabuthema und treibt vielen Frauen die Schamesröte ins Gesicht. Im Interview mit missima erklärt Sexual- und Paartherapeutin Sansara Wilberg, warum Selbstbefriedigung zu den weiblichen Grundbedürfnissen gehört und warum sie unser Sexualleben enorm bereichern kann.
Frage: Sollte jede Frau sich selbst erforschen? Wenn ja, warum?
Antwort: Sich selbst zu erforschen bedeutet, neugierig und wissbegierig zu sein und einem spielerischen Interesse zu folgen, sich selbst kennen und verstehen lernen zu wollen. Diese tiefe Sehnsucht nach Selbsterkenntnis trägt jeder Mensch in sich. Für mich als Frau bedeutet es, das Mysterium des Frauseins ergründen zu wollen, um mich in meiner Weiblichkeit mit all ihren Facetten, verstehen und annehmen zu lernen und diese auch leben zu können. Nur wer sich selbst kennt und versteht, wie er funktioniert, kann ein selbstbestimmtes und erfülltes Leben führen und besitzt damit auch die Möglichkeit, sein Leben zu gestalten. Das trifft natürlich vor allem auch auf die Erforschung unserer Sinnlichkeit und Sexualität zu. Nur wenn ich die Funktions- und Reaktionsweisen meines Körpers kenne und weiß, was genau mir Lust bereitet, wie ich mich selbst stimulieren, in Ekstase versetzen und zum Höhepunkt bringen kann, kann ich eine selbstbestimmte und befriedigende Sexualität leben, die sowohl für mich, als auch für meinen Partner erfüllend ist. Das macht mich unabhängig von anderen, denn ich kann mir sowohl selbst geben was ich brauche, als auch anderen zeigen, was ich mag.
Frage: Können kleine Hilfsmittel wie Vibratoren den Sex (auch mit sich selbst) erleichtern?
Antwort: Wir haben einen perfekten Körper mitbekommen, der uns alle Möglichkeiten bietet, befriedigenden Sex, Lust und Ekstase zu erleben. Und es gibt sehr effektive Methoden, wie z.B. Tantra und Energetische Körperarbeit, um unsere Lust- und Orgasmusfähigkeit zu steigern. Es ist also nicht zwingend notwendig, irgendwelche Hilfsmittel zu verwenden, um eine erfüllte Sexualität leben zu können. Aber unter bestimmten Umständen kann es durchaus sinnvoll und hilfreich für eine Frau sein, sich mit Sexpielzeug zu beschäftigen. Das erste Mal einen Sexshop zu besuchen ist für viele Frauen ein großer Schritt, der sie Überwindung kostet. Aber indem sie sich dort beraten lassen, sich was Schönes aussuchen, es zuhause ausprobieren, es ihrem Partner zeigen und ihn mit einbeziehen, beschäftigen sie sich auf verschiedenen Ebenen mit ihrer Sexualität. Das baut Hemmschwellen ab und ermöglicht, sich seinen Schamgefühlen zu stellen, eigene Tabus zu erkennen und zu durchbrechen und einen neuen Umgang mit der eigenen Sexualität zu finden. Sexspielzeuge können uns einen spielerischen Zugang zu unserem Körper und unserer Sexualität eröffnen und stellen ein wunderbares Hilfsmittel für die Selbsterforschung und Selbstbefriedigung dar, denn sie erweitern unsere Möglichkeiten, unsere Lust zu erforschen und spielerisch auszuprobieren, was uns Spaß machen könnte. Das ist vor allem auch für Frauen hilfreich, die Vorbehalte oder Schwierigkeiten haben, sich mit ihren eigenen Fingern genital zu berühren. Mithilfe eines Dildos kann man sich leicht in die Fantasie versetzen, von jemand anderem berührt zu werden oder sich vorstellen, dass tatsächlich ein Mann mit seinem Penis in einen eindringt. Das kann unsere Erregungsfähigkeit erhöhen. Außerdem ermöglicht uns ein Vibrator, unsere Vulva und unsere Vagina in eine erregende Schwingung zu versetzen. So kann ein Dildo dabei helfen, unsere äußeren und inneren Lustzentren zu erforschen und gezielt zu stimulieren.
Frage: Haben Männer da nicht manchmal Angst, “ersetzt” zu werden?
Antwort: Paare empfinden das Einbeziehen von Sexspielzeug oft als sehr bereichernd, denn es bringt neue Impulse ins Sexualleben und ermöglicht festgefahrene Beziehungsmuster aufzulockern. Manchmal denken Frauen oder Männer, Sexspielzeug zu verwenden, bedeute, sie seien einander nicht gut genug im Bett. Im Gegenteil! Sie können eine Bereicherung sein – nie ein Ersatz füreinander.
Frage: Welchen Tipp geben Sie Frauen, denen es schwer fällt sich selbst zu befriedigen? Zum Beispiel aus Scham.
Antwort: Wenn eine Frau Schamgefühle hat und sich deswegen nicht genital berühren möchte, ist es wichtig einen lustvollen Zugang zu ihrem Körper und ihrer Sexualität zu finden. Selbstbefriedigung hat bei uns Frauen sehr viel mit Selbstliebe und Annahme zu tun. Ein Weg dahin führt über die eigene Sinnlichkeit. Das Ausrichten eines wohlriechenden Bades, das Eincremen mit einer duftenden Körperlotion, das Massieren des eigenen Körpers, lernen sich selbst etwas Gutes zu tun und es zu genießen. Softpornos oder Erotikfilme können dabei helfen, Hemmungen und innere Tabus abzubauen, und die eigenen Fantasien zu beflügeln. Der Gang zu einem Erotikshop mit einer vertrauten guten Freundin, und dort einfach nur sich umzusehen, Dildos anzufassen und Outfits auszuprobieren ist für viele Frauen eine Bereicherung und Unterstützung auf dem Weg aus der Scham zu einer selbstbestimmten lustvollen Sexualität.
Frage: Sollte Selbstbefriedigung auch in einer Beziehung okay sein?
Antwort: Selbstbefriedigung hat in erster Linie mit sich selbst zu tun und damit mit der Beziehung zu sich selbst, zu seinem Körper und seiner Sexualität. Es ist eine wunderbare Möglichkeit, sich selbst Liebe zu geben, Lust zu verschaffen, sich kennenzulernen, zu erkunden und zu erforschen. Für einige ist es ein fester Bestandteil des alltäglichen Lebens, so wie Essen und Trinken. Jede Beziehung, in denen die einzelnen Partner sich auch selbst Befriedigung verschaffen können, wird darüber bereichert. Beide profitieren in der gemeinsamen Sexualität von den Erfahrungen mit sich, und können so dem Partner/der Partnerin oftmals einfacher vermitteln, was Ihnen Lust bereitet. Viele Paare empfinden es zudem als sehr erregend, sich bei der lustvollen Selbstbefriedigung zu zusehen oder von seiner Partnerin/ seinem Partner dabei beobachtet zu werden!
Dieses Interview wurde am 5. Mai 2010 ein auf dem Frauenonline-Portal "missima" veröffentlicht. Der Beitrag trägt den Titel "Ich liebe mich: Selbstbefriedigung als Weg zum erfüllten Sexleben" und kann hier angesehen werden: http://missima.de/sansara-wilberg-interview-selbstbefriedigung-frau/2010/05/